Entstehung und Entwurf der Festung
Die Geschichte der Festung Terezín (Theresienstadt) begann am 10. Januar 1780, als Feldzeugmeister Karl Pellegrini das Prager Landesingenieurkorps darüber informierte, dass sich Kaiser Joseph II. zur Abwehr der preußischen Bedrohung entschlossen hatte, eine Festung im Raum der Dörfer Deutsch-Kopist (Německé Kopisty) und Tarskirchen (Travčice) an der Eger zu errichten. Benannt wurde die künftige Stadt zu Ehren der Königin und Kaiserin Maria Theresia. Im Sommer desselben Jahres begannen die Erdarbeiten zur Gestaltung der Baufläche und zur Regulierung der Eger. Am 10. Oktober 1780 reiste Kaiser Joseph II. in das Gebiet der künftigen Festung, um den Grundstein zu legen.
Nach den Ideen und Entwürfen der französischen Ingenieurschule in Mézières entstand hier im Laufe von elf Jahren die vollkommenste Festung des 18. Jahrhunderts. Der gesamte Komplex bestand aus drei Teilen: der Hauptfestung, der Kleinen Festung sowie dem oberen und unteren Retrachement zwischen der Neuen und der Alten Eger mit einer Gesamtfläche von 398 Hektar.















Architektonische Struktur und Verteidigungssystem
Ein langgestrecktes Achteck mit acht fünfeckigen Bastionen und ebenso vielen Kurtinen bildete die innere Verteidigungslinie der Hauptfestung. Um diese Linie herum verlief der Hauptgraben, in dem sich die Elemente der mittleren Verteidigungslinie befanden – Zangen (Kleště), Ravelins und Kontragarden. Der Hauptgraben konnte bei Bedarf ganz oder teilweise durch Wehre überschwemmt werden. Die Grundlage des äußeren Verteidigungskurses bildete der „überwölbte Weg“ (befestigter Fußweg), der aus einem Erdwall entlang der gesamten Außenmauer des Hauptgrabens – der Kontreskarpe –, Lunetten als kleinen Befestigungen an den Hälsen der Sammelplätze XXVII bis XXXVI und Überschwemmungsbecken entstand. Orte, die nicht direkt durch Wasser geschützt waren, waren unterirdisch von einem Geflecht aus Lausch- und Minengängen durchzogen, die senkrecht von der Hauptgalerie bis zu einer Entfernung von 80 Metern von der Kontreskarpe abzweigten.
Die Kleine Festung hatte die Form eines unregelmäßigen Rechtecks mit vier Bastionen. Den inneren Wall schützten im südlichen Teil im Hauptgraben Zangen und ein vorgeschobener Ravelin für Artillerie-Feuerstellungen. Der äußere Wall wurde ebenso wie bei der Hauptfestung durch den überwölbten Weg mit QuerTraversen geschützt. In Richtung der Achse der Bastion II wurde der sogenannte Pfeil zur Verteidigung des Vorlandes der Senke errichtet.
Der am wenigsten befestigte Ort der Festung waren das obere und untere Retrachement. Die Wälle bestanden im Wesentlichen nur aus Erdaufschüttungen mit einem Wassergraben auf der Außenseite, der bis zu einer Höhe von 2,6 Metern ausgemauert war. Auf der Außenseite des Grabens des unteren Retrachements befand sich der überwölbte Weg. Von dort führte eine Doppelkaponiere zum nördlichen Pfeil, der erst 1813 erbaut wurde. Der Raum beider Retrachements diente ausschließlich militärischen Zwecken. Es wurde mit der Nutzung seines Freiraums als Truppenlager bei Feldzügen gerechnet, und im Notfall konnte er mit Wasser geflutet werden. Die Festung war jedoch ein in sich geschlossenes Ganzes, und die Verbindung zur Außenwelt wurde durch sechs Tore mit Zugbrücken ermöglicht.
Besatzung, Versorgung und Stadtentwicklung
Die Festungsbesatzung sollte in Friedenszeiten aus 5.655 Mann bestehen und konnte im Kriegsfall verdoppelt werden. In allen Festungselementen befanden sich 153 Pulvermagazine, die bis zu 1.420 Tonnen Schwarzpulver fassen konnten. Im Kavalier II befanden sich ein Lebensmittellager und eine Bäckerei. Es gab Vorräte an Heu und Futter für 6.500 Pferde. Das gesamte Material sollte die Ernährung der Festungsbesatzung und einer Feldarmee von 60.000 Mann für die Dauer von dreieinhalb Monaten sichern.
Durch kaiserlichen Erlass aus dem Jahr 1782 wurde Terezín der Status einer königlichen Freistadt verliehen. Die Militärverwaltung siedelte vor allem zivile Handwerker in der Stadt an, die für die Instandhaltung der Festung und das Leben der Besatzung unerlässlich waren. Eine eigene Zivilverwaltung wurde in Terezín erst 1830 eingerichtet. Der Aufbau der Stadt einschließlich der zivilen Gebäude erfolgte nach einem im Voraus ausgearbeiteten Stadtplan, der ein Schachbrettmuster der Straßen mit einem zentralen Platz und einer Kirche festlegte. Aus Sicherheits- und taktischen Gründen durften die Häuser nicht zu hoch sein.
Daher findet man in Terezín nur ein- bis maximal zweigeschossige Gebäude mit einer Höhe von bis zu 14 Metern, deren Erdgeschosse mit robusten Halbkreisgewölben versehen sind. Vom Vorland aus sind im Inneren der Festung daher nur die Dächer einiger Gebäude zu sehen, unter denen der Turm der Garnisonskirche der Auferstehung des Herrn dominiert.
Historische Meilensteine und Niedergang
Die Festung erfüllte nie ihre ursprüngliche Bestimmung. Mit dem Ausbruch der Französischen Revolution traten die Streitigkeiten zwischen Österreich und Preußen Ende des 18. Jahrhunderts in den Hintergrund. Dennoch wurde die Festung angesichts der möglichen Bedrohung durch einen französischen Einfall in verteidigungsfähigem Zustand gehalten. Napoleonische Truppen zogen jedoch nicht nach Terezín. Nach der Niederschlagung der Revolutionsbewegung in den Jahren 1848–1849 lebten die Gegensätze zwischen Berlin und Wien wieder auf und gipfelten im militärischen Konflikt des Jahres 1866. Einer Belagerung blickte die Festung jedoch nicht entgegen; preußische Truppen umgingen sie, und in ihrer Umgebung ereigneten sich nur wenige unbedeutende Scharmützel. 1879 wurde zwischen Deutschland und Österreich das Zweibundabkommen unterzeichnet, und neun Jahre später wurde die Festungsfunktion von Terezín durch kaiserlichen Erlass endgültig beendet. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts dienten die Kasematten der Festung Terezín vielen Revolutionären als Gefängnis. In Terezín starb auch der Attentäter von Sarajevo, Gavrilo Princip. Im Jahr 1918 wurden die gefangenen Teilnehmer des Rumburger Aufstands in die Zellen geworfen, die erst durch die Oktoberereignisse befreit wurden.
Das dunkle Kapitel des zwanzigsten Jahrhunderts
Am 10. Juni 1940 übernahm die Prager Gestapo die Kleine Festung in Terezín, um dort ein Polizeigefängnis einzurichten. Bereits am nächsten Tag wurden die ersten Gefangenen hierher gebracht, die mit dem Bau des Gefängnisses begannen. Entsprechend dem anwachsenden Bestand an Häftlingen wurde während der Besatzung ununterbrochen an der Errichtung neuer Objekte und Einrichtungen gearbeitet. Beim Bau des IV. Hofes wurden die Zange Nr. V und die Doppelkaponiere beseitigt sowie der Graben zwischen Kurtine und Reduitflügeln neu gemauert. Im Oktober 1941 wurde Terezín als geeigneter Ort für die Einrichtung eines Sammellagers – des jüdischen Ghettos – ausgewählt. Im Sommer 1942 reichten die Kapazitäten der Kasernengebäude nicht mehr aus, und die tschechische Zivilbevölkerung wurde zur Evakuierung gezwungen. Terezín wurde zu einer Durchgangsstation auf dem Weg in die Vernichtungslager, und bis zum Ende der Besatzung passierten es rund 160.000 Menschen (durch die Kleine Festung 33.000). Die Stadt wurde in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 von der 3. Garde-Panzerarmee des Generalobersten Rybalko befreit, die durch Terezín nach Prag zog.
Übersicht der Festungsbezeichnungen
- Bastion: Grundlegendes Verteidigungselement in Fünfeckform, gewöhnlich an den Knickstellen des Festungsumfangs.
- Galerie: Gedeckter, gewölbter Gang im Inneren der Festungselemente.
- Kavalier: Eigenständige vierseitige Befestigung im Inneren der Bastion.
- Kleště (Zangen): Zwei einen stumpfen Winkel bildende Arme, niedrigere Befestigung im Graben zum Schutz der Kurtine vor direktem Beschuss.
- Kurtine: Verbindende Mauer zwischen den Bastionen.
- Kontragarda: Vor die Bastion vorgeschobene Mauer.
- Kontreskarpe: Äußere Seite des Grabens.
- Mina: Unterirdischer Gang mit einer Kammer zur Platzierung einer Sprengladung.
- Lauschgang: Galerie zur Beobachtung der Erdarbeiten des Feindes.
- Ravelin: Meist dreiseitige oder auch fünfeckige, vor die Zangen vorgeschobene kleine Befestigung.
- Reduit: Dreiseitige, eigenständige kleine Befestigung im Inneren des Ravelins.
- Retranchement: Aufbau auf einer Bastion oder einem Ravelin.
- Traverse: Quermauer auf dem gedeckten Weg.
- Doppelkaponiere: Auch „Erdkoffer“, sicherer Verteidigungsweg.






